Suche
  • Andreas Diegler

Wind und Wetter – sich lebendig fühlen



„Wenn ich am Meer spazieren gehe, muss ich immer wieder an den Spruch denken:

»Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung.«

Mit dem Begriff »Meer« verbinden die meisten Menschen Sonne, Badewetter und blauen Himmel. Ich finde es aber beinahe dann am schönsten dort, wenn der Wind bläst und die Wolken treiben, wenn der Himmel in einem Moment strahlend blau und im nächsten mit Streifen und Wolkenkissen betupft ist, wenn das Ufer gefroren ist und die Stürme darüberjagen. Natürlich kann man dann nicht unbedingt im Liegestuhl lesen oder auf dem Handtuch faulenzen. Nicht, dass das nicht seinen Reiz hätte – ich liege gerne in der Sonne. Aber schönes Wetter kann jeder, und das Meer hat noch viel mehr zu bieten als das.

Gerade, wenn es stürmt, habe ich immer das Gefühl, die Kraft des Wassers und des Windes überträgt sich auf mich. Sie pustet mir den Kopf frei, wäscht mir die Gedanken aus den Sorgenecken und füllt mich mit unbändiger Lebensenergie.

Wenn ich mich gegen den Wind stemmen muss beim Spaziergang, dann fordert mich das heraus, meine eigenen Kräfte zu mobilisieren, voranzukommen gegen die Widerstände, mich nicht kleinkriegen zu lassen vom Sturm, der mir ins Gesicht bläst, selbst wenn er mir die Tränen in die Augen treibt. Und wenn der Wind dann auf dem Rückweg von hinten drängt, fühle mich unterstützt, so wie damals, als mein Vater mich als Kind auf dem Fahrrad den steilen Berg hinaufgeschoben hat. Ich muss immer lachen, wenn mich eine Böe richtig erwischt und ein Stück nach vorne hüpfen lässt – so ähnlich muss fliegen sein, so leicht und schwerelos. Tatsächlich – am Meer gibt es kein schlechtes Wetter!“





Marlene Fritsch, Spirituelle Auszeit am Meer


©Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018


Mit freundlicher Genehmigung der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau.

35 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Der richtige Platz

Leuchttürme