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  • Andreas Diegler

Sand - geerdet sein


„Wenn nicht gerade tiefster Winter herrscht, kann ich mich nicht zurückhalten, gleich dort, wo die Düne oder der geteerte Weg aufhört, die Schuhe auszuziehen und barfuß in den Sand zu hüpfen.

Das Freiheitsgefühl in den Zehen, die einzelnen Körnchen unter den Fußsohlen – was für ein Unterschied zu dem, was die Füße sonst zu spüren bekommen!


Dann der Weg zum Wassersaum: Erst das oft etwas mühsame Stapfen durch den tiefen Sand; der Streifen mit den Muschelschalen und anderem Treibgut, über den man vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzt; dahinter wird dann das Laufen mit dem zunehmend feuchten Sand immer leichter, bis endlich der große Zeh ins Wasser tauchen darf!


Wellenschaum auf den Füßen, danach einsinken in den Sand, den das Meer mir unter den Füßen wegspült – was für ein herrliches Gefühl!


Vielleicht ist das das Erste, was einem am Meer so schnell dazu bringt, im Jetzt anzukommen: das Gefühl, geerdet zu sein, den Boden zu fühlen, ganz »pur«.


Im Alltag ist es häufig schwierig, barfuß zu laufen: Geschäftstermine, Arbeit im Büro, Verabredungen in der Stadt, Einkäufe im Supermarkt. Bei vielen Angelegenheiten wird man sogar ziemlich schräg von der Seite angeschaut, wenn man die Schuhe von den Füßen streift, selbst im Sommer. Am Meer ist das anders. Da schaut man die Menschen fast schräg von der Seite an, die trotz warmen Wetters Schuhe tragen, wenn sie am Strand entlangspazieren.


Es fühlt sich gut an, den eigenen Körper wieder einmal zu spüren. Mir wird immer dann erst klar, wie empfindlich meine Fußsohlen eigentlich sind – vor allem nach dem Winter, wenn ich mich wieder ans Barfußlaufen gewöhnen muss. Eine spitze Muschelschale, ein Stein, ein Hölzchen – und schon weiß ich wieder, was Schmerz ist. Ich spüre aber auch, wie weich der Sand unter den Sohlen ist, wie gut es tut auf Untergrund zu laufen, der meinen Schritten nachgibt und mich gleichzeitig massiert, mir sogar ein kostenloses Peeling schenkt – und meinen Füßen so viel Freiheit! Keine schweren, zu engen Schuhe, in denen ich die Zehen nicht bewegen kann, keine Absätze – ein großartiges Gerfühl!


Wenn ich an einem wirklich breiten Strand stehe oder auf einer Sandfläche, wie man sie oft am Ende der Nordseeinseln findet, wo Horizont und Sand in eins fließen, fällt mir immer wieder der Psalmvers aus der Bibel ein:


»Du stellst meine Füße auf weiten Raum« (Psalm 31,9)


Do muss sich der Mensch gefühlt haben, der dieses Gebet zuerst gesprochen hat: befreit und geerdet. Und das bezieht sich auch am Meer nicht nur auf meine Füße, es wirkt durch den ganzen Körper bis in den Kopf und die Seele.


Durchatmen – im Jetzt ankommen.“



Marlene Fritsch, Spirituelle Auszeit am Meer


©Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018


Mit freundlicher Genehmigung der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau.

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